Zwei neue Fachbeiträge aus dem Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST) sind erschienen. Beide Publikationen wurden durch das Regensburg Center of Health Sciences and Technology (RCHST) unterstützt. Die eine Arbeit befasst sich mit Telepräsenzrobotik in der häuslichen Versorgung nach einem Schlaganfall, die andere mit dem Einsatz Künstlicher Intelligenz in gemeinnützigen Organisationen.
Telepräsenzrobotik: hohe Erwartungen, nüchterne Erfahrungen
Der Beitrag von Prof. Dr. habil. Sonja Haug, Prof. Dr. phil. habil. Karsten Weber und Edda Currle ist am 16. September 2026 im „Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz“ erschienen. Er entstand als sozialwissenschaftliche Begleitstudie zur Pilotstudie „DeinHaus4.0 Oberpfalz – TePUS“, die vom Bayerischen Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention finanziert wurde.
In der Feldphase 2021 bis 2023 erprobten Schlaganfallbetroffene über 24 Wochen jeweils eines von zwei Telepräsenzrobotersystemen im eigenen Zuhause – ein kommerzielles, autonom bewegliches System oder ein eigens für die Studie entwickeltes statisches Gerät. Ergänzend stand allen Teilnehmenden ein Tablet zur Verfügung. Befragt wurden Patientinnen und Patienten (48 vor, 39 nach der Testphase), Angehörige (53 bzw. 50) sowie 31 Pflege- und Therapiefachkräfte.
Das zentrale Ergebnis fällt zurückhaltend aus: Die anfangs hohen Erwartungen an mehr Selbstständigkeit, Sicherheit und Kommunikation erfüllten sich überwiegend nicht. Vor der Testphase äußerten rund 70 Prozent der Teilnehmenden positive Erwartungen an den Alltagsnutzen, danach stimmte weniger als ein Viertel der Aussage zu, das System mache den Alltag leichter. Türschwellen, Teppiche und Treppen begrenzten die autonome Mobilität auf eine Etage; die Sprachsteuerung erwies sich gerade für Menschen mit schlaganfallbedingten Sprech- und Sprachstörungen als wenig geeignet. Mehr als zwei Drittel der Patientinnen und Patienten nutzten überwiegend das Tablet, nur knapp 18 Prozent bevorzugten die Robotik.
Die grundsätzliche Akzeptanz blieb dennoch mehrheitlich positiv – rund zwei Drittel der Patientinnen und Patienten und über 80 Prozent der Angehörigen konnten sich eine künftige Nutzung vorstellen, das Fachpersonal am ehesten. Die Autorinnen und Autoren weisen zugleich auf methodische Grenzen hin: Die Stichprobe ist klein, und die Systeme wurden auf dem technischen Stand der Jahre 2021 bis 2023 bewertet. Ihr Fazit: Solange Telepräsenzroboter den Anforderungen häuslicher Versorgungssituationen nicht genügen, können etablierte Lösungen wie Tablets eine praktikable Ergänzung für Pflege- und Therapieanwendungen sein.
Künstliche Intelligenz in Sektoren mit knappen Ressourcen
Der zweite Beitrag von Maximilian Schultz, Franziska Hauer, Prof. Dr. Sonja Haug und Prof. Dr. Karsten Weber ist als Vorabveröffentlichung im „Journal of Information, Communication and Ethics in Society“ erschienen. Er untersucht, wie gemeinnützige Organisationen und NGOs Künstliche Intelligenz unter finanziellen und personellen Beschränkungen sinnvoll einsetzen können, ohne den auf Beziehung angelegten Charakter sozialer Arbeit zu verlieren.
Grundlage ist das Projekt KINiro („KI für NGOs“), gefördert vom Bundesfamilienministerium. Im Blick hatte das Team Nichtregierungsorganisationen (NGOs) – also gemeinnützige Vereine, Verbände und Hilfsorganisationen. Dafür wurde zunächst die vorhandene Fachliteratur ausgewertet und in fünf ersten Gesprächen sondiert, wo die Praxis steht. Anschließend nahmen 335 Organisationen an einer Online-Befragung teil; zehn ausführliche Interviews mit Fachleuten vertieften die Ergebnisse.
Das Bild, das dabei entsteht: Die meisten Organisationen stehen noch am Anfang. Rund 60 Prozent haben Künstliche Intelligenz zumindest schon einmal ausprobiert – vor allem, um Texte zu schreiben, zu übersetzen oder zu recherchieren. Regelmäßig im Einsatz ist sie aber nur in 14,8 Prozent der Organisationen, gelegentlich in 45,1 Prozent. Erhofft wird vor allem, dass Routineaufgaben weniger Zeit kosten und dadurch Mittel für die eigentliche Arbeit frei werden. Befürchtet werden Risiken für den Datenschutz, ein Verlust an Kontrolle und eine „Entmenschlichung“ der sozialen Arbeit. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren zählt die Studie zu den ersten, die den KI-Einsatz in gemeinnützigen Organisationen empirisch untersuchen.
Publikationen
Open Access: Haug, S., Weber, K., & Currle, E. (2026). Digitale Assistenzsysteme zur Unterstützung der Alltagsbewältigung: Erste Erfahrungen mit Telepräsenzrobotik in der häuslichen Schlaganfallversorgung. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz. https://doi.org/10.1007/s00103-026-04295-7
Closed Access: Schultz, M., Hauer, F., Haug, S., & Weber, K. (2026). Non-profit work of the future? Scientific considerations of AI deployment in sectors with limited resources. Journal of Information, Communication and Ethics in Society, 1–12. https://doi.org/10.1108/JICES-11-2025-0326