Bevor eine Ärztin oder ein Arzt eine Diagnose stellen kann, steht die Anamnese — das gezielte Gespräch über Beschwerden, Vorerkrankungen und aktuelle Symptome. Dieser Schritt ist unverzichtbar, braucht aber Zeit. Könnten Chatbots, also KI-gestützte Gesprächsprogramme, einen Teil dieser Aufgabe übernehmen und so die ärztliche Konsultation entlasten? Und vor allem: Würden die Menschen das auch akzeptieren?
Diesen Fragen ist ein Forschungsteam der OTH Regensburg nachgegangen. Prof. Dr. habil. Sonja Haug, Edda Currle und Prof. Dr. phil. habil. Karsten Weber haben in einer repräsentativen Befragung untersucht, wie die deutsche Bevölkerung zum Einsatz von KI bei der Anamnese steht. Die Ergebnisse sind unter dem Titel „Acceptance of Medical History-Taking Supported by Artificial Intelligence and Chatbots: A Population-Based Survey in Germany" in der Fachzeitschrift Healthcare (MDPI) erschienen und frei zugänglich.
Große Offenheit gegenüber digitaler Anamnese
Für die Studie wurden in zwei Erhebungswellen insgesamt 2.000 Personen zwischen 18 und 74 Jahren befragt — repräsentativ für die deutschsprachige Bevölkerung. Das Forschungsteam untersuchte dabei zwei Szenarien: die Nutzung eines Chatbots direkt in der Arztpraxis und die Nutzung von zu Hause aus, etwa zur Vorbereitung auf einen Arzttermin.
Das zentrale Ergebnis: In beiden Szenarien zeigt sich eine hohe Akzeptanz. Die Bereitschaft, einen Chatbot für die Anamnese zu nutzen, ist insgesamt deutlich positiv ausgeprägt — wobei die Zustimmung für die Nutzung vor Ort in der Praxis in beiden Erhebungswellen etwas höher ausfiel als für die Nutzung zu Hause.
Überzeugender Nutzen ist entscheidend
Was beeinflusst die Bereitschaft, einen solchen Chatbot zu nutzen? Den stärksten Einfluss hat die Leistungserwartung: Wer davon überzeugt ist, dass die Technologie die Behandlungsqualität spürbar verbessert, zeigt die höchste Nutzungsbereitschaft. Auch die erwartete Benutzerfreundlichkeit und der wahrgenommene Einfluss des sozialen Umfelds spielen eine Rolle — zusammen erklären diese drei Faktoren rund die Hälfte der Unterschiede in der Nutzungsbereitschaft.
Eine wichtige Erkenntnis für die Praxis: Patientinnen und Patienten sind durchaus bereit, sich in eine neue Technologie einzuarbeiten — vorausgesetzt, sie sehen einen klaren Vorteil. Gleichzeitig müssen die Chatbots einfach und intuitiv gestaltet sein, damit sie für möglichst viele Patientengruppen zugänglich bleiben.
Alter und Geschlecht spielen eine geringere Rolle als erwartet
Überraschend ist, dass Alter und Geschlecht die Akzeptanz weniger beeinflussen als vielfach angenommen. Lediglich bei der Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse älterer Menschen zeigen sich relevante Unterschiede. Für Arztpraxen bedeutet das: Statt auf stark zielgruppenspezifische Lösungen zu setzen, sollte der Fokus auf der allgemeinen Benutzerfreundlichkeit und dem erkennbaren Nutzen der Anwendung liegen.
Breite Zustimmung zur digitalen Speicherung von Gesundheitsdaten
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die elektronische Patientenakte (ePA): Obwohl diese in Deutschland bislang nur von wenigen Menschen aktiv genutzt wird, sprachen sich rund drei Viertel der Befragten dafür aus, Anamnesedaten digital in ihrer Gesundheitsakte zu speichern. Das deutet darauf hin, dass die Bevölkerung der digitalen Erfassung von Gesundheitsdaten grundsätzlich aufgeschlossen gegenübersteht — ein ermutigendes Signal für die weitere Digitalisierung im Gesundheitswesen.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit am IST und im RCHST
Die Studie entstand im Institut für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung (IST), in dem Prof. Dr. habil. Sonja Haug und Prof. Dr. phil. habil. Karsten Weber gemeinsam forschen. Prof. Haug bringt ihre Expertise in empirischer Sozialforschung ein, Prof. Weber ergänzt die Perspektive der Technikfolgenabschätzung und angewandten Ethik. Darüber hinaus sind beide Mitglieder im RCHST.
Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss: KI-gestützte Anamnese hat das Potenzial, ein zentrales Element in der Digitalisierungsstrategie von Arztpraxen in Deutschland zu werden.
Open Access
Der vollständige Artikel ist frei verfügbar unter: https://www.mdpi.com/2227-9032/14/7/905
Zitation: Haug, S.; Currle, E.; Weber, K. Acceptance of Medical History-Taking Supported by Artificial Intelligence and Chatbots: A Population-Based Survey in Germany. Healthcare 2025, 14(7), 905.
